Eine kleine Geschichte über Alltagsrassismus

dadvelopment | 10.07.2015 | Lesedauer: 2 Minuten

Letztes Jahr las ich das Overrated von Eugene Cho. Eugene gründete die Plattform OneDaysWages und leitet eine Gemeinde in Seattle. Ich kann jedem das Buch nur empfehlen, der sich nicht davor scheut auch Englisch zu lesen. Es hat mich stark zum Nachdenken animiert. Und ich werde es auch nochmal lesen.

Ein Auszug aus dem Buch

Eine Geschichte aus dem Buch lässt mich seit dem Lesen nicht mehr los. Eugene erzählt von einem Gespräch mit einem Gemeindemitglied. Um genauer zu sein mit einem jungen Afroamerikaner. Einer der wenigen in der Gemeinde. Er erzählt folgende Geschichte, die ich mit freundlicher Genehmigung ins Deutsche übersetzen darf:

Der Einzelfall des verdächtigen, beängstigenden Schwarzen Mannes?

Pastor Eugene, Sie sprechen oft über Ungerechtigkeit, Rassismus und Vorurteile. Danke, dass Sie ihre Geschichte teilen. Ich möchte auch meine Geschichte gern mit Ihnen teilen. Fakt ist, ich fühle meine 'Andersartigkeit' jeden einzelnen Tag. Jeden einzelnen Tag.

Sie wissen ja, ich steige jeden Morgen im Norden der Stadt in den Bus um Richtung Süden ins Zentrum zur Arbeit zu fahren. Wie Sie sich vorstellen können, wird der Bus nach und nach voller. Um ehrlich zu sein, er ist überfüllt. Aber wenn ich in den Bus steige, bin ich einer der ersten zehn Passagiere und jeder von uns kann sich einen Sitzplatz aussuchen. Und ja, wir alle sitzen.. allein. Aber auf dem Weg zum Halt zu Halt kann ich etwas beobachten. Die Menschen suchen nach Sitzplätzen und jeden einzelnen Tag ist jeder Sitzplatz besetzt.. Aber an fast jedem einzelnen Tag.. ist ein Sitz, der als letztes besetzt wird. Sie können sich vorstellen, welcher Sitz das ist, oder? Ja, es ist der Sitz neben mir. Dieser Platz wird als letztes besetzt. An fast jedem einzelnen Tag.

Wissen Sie warum? Wissen Sie warum? .. Es ist weil ich ein dunkelhäutiger schwarzer Mann bin .. und die Leute denken, dass ich gefährlich bin. Damit beginne ich meinen Tag. Fast jeden Tag. Das ist meine Geschichte.

Als ich diese Zeilen das erste Mal las, war ich in einer ähnlichen Arbeitssituation wie der junge Mann, der seine Geschichte teilt. Auch ich wohnte am Anfang einer Straßenbahnlinie. Und zeitweise konnte auch ich mir den Sitzplatz aussuchen. Und auch ich saß größtenteils allein. Und auch in Bremen konnte ich das Phänomen beobachten, dass die Sitzplätze neben den "Weißen" bevorzugter in Anspruch genommen wurden.

Das hat mich zum Nachdenken gebracht. Rassismus beginnt ganz klein. Bei mir. In meinem Handeln. Oder Nichthandeln. Auch in der Straßenbahn.


Der Auszug ist aus Overrated von Eugene Cho, Seite 209